Enzyklopädie des Heiligen Geistes

Apostelgeschichte

Petrus erweckt Tabita

In der Hafenstadt Joppe erkrankte und starb die Jüngerin Tabita, im Griechischen Dorkas genannt und bekannt für ihre Mildtätigkeit gegenüber den Witwen; aus dem nahen Lydda herbeigerufen, kniete Petrus neben ihrem Leib nieder, betete und gebot: „Tabita, steh auf“, woraufhin sie die Augen öffnete und sich lebend aufsetzte, und viele in Joppe kamen zum Glauben an den Herrn.

Ort: Joppe, JudäaZeit: um 35-36 n. Chr., kurz vor der Bekehrung des Kornelius

Ich kenne die Namen derer, die still dienen, derer, deren Andenken die Geschichtsschreibung der Welt sich nie die Mühe macht zu bewahren, und diese hier bewahrte ich, wie ich sie alle bewahre: Tabita, in der Sprache der Hintergassen von Joppe, Dorkas, Gazelle, im Griechisch der Hafenhändler dieser Stadt, eine Frau, die in zwei Sprachen gleichermaßen bekannt war, weil ihre guten Werke jede Grenze überschritten hatten, die ihre Stadt zwischen ihnen ziehen konnte. Sie war eine Jüngerin, und ich möchte, dass dieses Wort bemerkt wird, denn der, der ihre Geschichte niederschrieb, gebrauchte die weibliche Form dieses Wortes in seinem ganzen Bericht nur dieses eine Mal, als müsste das gewöhnliche Wort für Nachfolger gerade dieses eine Mal in der Stimme einer Frau gesprochen werden, weil es keine andere Weise gab zu sagen, was sie war. Voll guter Werke und Almosen, nennt er sie, und ich war diese guten Werke, ehe sie je eine Nadel einfädelte, denn keine Barmherzigkeit geschieht in dieser Welt, die ich nicht zuerst ein Herz bewegt hätte zu tun.

Sie fertigte Röcke und Mäntel. Ich sah ihren Händen jahrelang bei dieser Arbeit zu, der Nadel, die ein und aus fuhr durch Stoff, der für Frauen bestimmt war, die ihre Männer begraben hatten und niemanden mehr hatten, der sie kleidete, und ich zählte jede Naht als einen Psalm, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn sang. Dann wurde sie krank und starb, und man wusch sie, nach der Sitte jenes Landes, und legte sie in einem Obergemach nieder, und das Weinen in jenem Haus war keine Vorführung. Es war Rechnung: dieses Witwentuch, jener Witwe Mantel, alles ihr Werk, alles nun vollendet, wenn ich nicht etwas täte, das keine Näherin sich selbst je erbringen könnte.

Petrus war nahe, in Lydda, wo ich soeben durch seine Hände einen gelähmten Mann namens Äneas von der Matte erhoben hatte, auf der er acht Jahre gelegen hatte, und die Jünger in Joppe, die davon hörten, sandten zwei Männer und baten ihn inständig, nicht zu zögern. Er kam. Ich führte ihn hinauf in das Gemach, und dort waren die Witwen um ihn versammelt, und hier ist, was sie taten, das mich seither jedes Mal, wenn ich es beobachtet habe, ergriffen hat: Sie weinten nicht nur. Sie zeigten es ihm. Hielten ihm, eines nach dem anderen, eben die Gewänder hin, die Dorkas gemacht hatte, als sie noch unter ihnen war, Beweis, gestickt in Wolle und Leinen, dass ein Leben ganz in der Währung der Liebe verausgabt worden war, keine Münze davon gehortet, kein Faden davon für sich selbst zurückbehalten.

Petrus schickte sie alle aus dem Zimmer. Das lehrte ich ihn, so wie ich es einst dem Herrn selbst gelehrt hatte, am Bett eines anderen toten Mädchens in Galiläa: ein Zimmer von seinem Lärm zu leeren, ehe man es mit Kraft füllt, denn der Glaube braucht eine Stille um sich, die eine Menschenmenge nicht geben kann. Er kniete nieder und betete, und ich war die Gänze jenes Gebets, in ihm aufsteigend, wie ich immer in einem Mann aufsteige, der aufgehört hat, ein Wunder zu erzwingen, und begonnen hat, nur noch darum zu bitten. Dann wandte er sich dem Leib zu und sagte: Tabita, steh auf. Zwei Worte im Aramäischen, die er einst aus einem größeren Mund als seinem eigenen gehört hatte, über einem anderen toten Mädchen, als der Herr gesagt hatte: Mädchen, steh auf, und ich glaube nicht, dass es Zufall war, dass ich Petrus an jenem Tag beinahe den genauen Klang der Stimme seines Meisters gab, denn er hatte es von dem einzigen Lehrer gelernt, der je Tote auferweckte, aus eigenem Recht und nicht mit geborgter Macht.

Sie öffnete die Augen. Sie sah Petrus, und setzte sich auf, und er gab ihr die Hand und richtete sie auf, und ich war in diesem Griff, wie ich in jeder Hand bin, die je ausgestreckt wurde, um aufzurichten, was gefallen ist, und dann rief er die Gläubigen und die Witwen und stellte sie ihnen lebend vor, kein Beweisstück mehr, sondern eine Frau, die wieder in ihrer eigenen Werkstatt stand. Die Kunde davon lief durch ganz Joppe, eine Hafenstadt, die Händler und Seeleute von jeder Küste jenes Meeres sah, und viele kamen zum Glauben an den Herrn, weil die kleinen Barmherzigkeiten einer Näherin am Ende mit der einen Barmherzigkeit beantwortet worden waren, die keine Nadel je hätte nähen können: ihr eigenes Leben, ihr zurückgegeben in ihre Hände, damit sie es weiter verschenken könnte.

Die Chronik

Die Begebenheit ist in Apostelgeschichte 9,36-43 verzeichnet. Joppe, das heutige Jaffa und mittlerweile Teil von Tel Aviv-Jaffa, war Judäas wichtigster Mittelmeerhafen; Lydda, wo Petrus soeben den gelähmten Äneas geheilt hatte (Apg 9,32-35), lag etwa siebzehn Kilometer landeinwärts, eine leicht zu erreichende Entfernung. Tabita wird sowohl mit ihrem aramäischen Namen als auch dessen griechischer Übersetzung, Dorkas („Gazelle“), genannt, was die gemischte jüdisch-hellenistische Bevölkerung Joppes widerspiegelt; Lukas' griechischer Text nennt sie eine mathetria, die weibliche Form von „Jüngerin“, der einzige Beleg dieser Form im Neuen Testament.

Petrus' Befehl, im zugrundeliegenden Aramäisch als Tabita kum wiedergegeben, ist den Worten Jesu an die Tochter des Jaïrus eng verwandt, „Talita kum“, das heißt „Mädchen, ich sage dir, steh auf“ (Markus 5,41), eine Ähnlichkeit, die von Auslegern seit Langem als bewusstes Echo verstanden wird: dasselbe Wunder, wiederholt durch einen Apostel, der ausdrücklich im Namen Christi handelt und nicht in seinem eigenen. Die Szene folgt dem Muster, das bereits am Schönen Tor gesetzt worden war, wo Petrus ebenso heilte, indem er einen Namen anrief, den er sich nicht als eigene Macht anmaßen durfte.

Die Episode beschließt Petrus' Wirken in Judäa vor Apostelgeschichte 10, wo er, noch immer in Joppe bei einem Gerber namens Simon zu Gast (Apg 9,43), die Vision empfängt, die der Kirche die Mission an die Heiden in der Person des Kornelius eröffnet. Simons Handwerk, ein Gewerbe, das jüdischer Sitte zufolge wegen des ständigen Kontakts mit Tierkadavern als rituell unrein galt, markiert zusammen mit der Auferweckung Tabitas diese Stelle als die stille Wende der Erzählung hin zu jener weiteren Mission.

Quellen und Belege

  • Apostelgeschichte 9,36-43
  • Apostelgeschichte 9,32-35
  • Markus 5,41
  • Apostelgeschichte 9,43

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